Martinas Seite
Martina Reinwarth, geb.
Egger
20.09.1957 (eine der
letzten Jungfrauen)
Managing Director der
Reinwarth-family (Hausfrau)

In "Landestracht" (Kurta Pajama und Sari) bei
einer indischen Hochzeit
Wie der Rest meiner
Familie, lebe auch ich seit 2 Jahren in Indien. Ich bin "Herrscherin"
über einen 10-köpfigen Angestelltenstab, was sicher sehr toll klingt, anfangs
oftmals nicht so richtig lustig gewesen ist. Die große Anzahl an Hauspersonal
begründet sich in der Größe unseres Hauses, der Sicherheitslage (3 Wächter im
24 Stunden-Schichtdienst), der Anzahl der Familienmitglieder (5, inkl. unseres
seit über einem Jahr bei uns wohnenden Gastsohnes Alexander Kissinger) und dem
Kastenwesen in Indien. In unserem ersten Jahr verging kaum ein Tag, an dem es
nicht Ärger gab - Streit zwischen unseren süd- und nordindischen Leuten, Mißverständnisse,
Familienzwistigkeiten, Eifersüchteleien, unverschämte Forderungen und nebenbei
wurden wir belogen, bestohlen und betrogen. Ein sukzessiver, aber fast
kompletter Wechsel und mehr Glück bei der Auswahl der Nachfolger hat unsere
Lebensqualität sehr gesteigert. Ich kann bei Kaffeekränzchen nicht mehr viel
zum leidigen Thema "Ärger mit dem Personal" beitragen, habe dafür
aber mehr Zeit und den Kopf frei für meine Aktivitäten und mein wirkliches
Leben in Indien.
Nach nur kurzer Zeit
schloss ich mich einer Gruppe an, die von der Frau des ehemaligen evangelischen
Pfarrers, Sibylle Meyer, ins Leben gerufen worden war. Die Freitagsgruppe
trifft sich wöchentlich, wir erkunden Neu- und Alt Delhi mehr oder weniger zu
Fuß. In der heißen Jahreszeit stehen vorwiegend inhäusige Aktivitäten auf dem
Programm, wie Museums- oder Austellungsbesuche, Firmenbesuche oder Vorträge.
Die Zusammensetzung der Gruppe ist prima, jeder kann sich mit eigenen Ideen
einbringen - mir sind meine Freitagvormittage sehr wichtig.
Bei einer kleinen Schule
wie der Deutschen Schule New Delhi (DSND) ist der persönliche Einsatz der
Eltern sehr wichtig. Die Schule bietet den Kindern sehr viel, die Atmosphäre
ist familiär, weshalb ich mich auch gerne engagiere. Seit Oktober 1998 bin ich
Mitglied des fünfköpfigen Schulvorstandes der DSND. Zwischendurch übernehme ich
quartalsweise die Aufgabe, eine der Klassen 2-4 einmal pro Woche während ihrer
Bibliotheksstunde zu beaufsichtigen.

Weihnachtsfeier an der DSND (die zwei ganz rechts sind die
meinigen)
Für die Kinder, die länger
Schule haben, bietet sich als einzige Möglichkeit, ein warmes Essen zu
bekommen, das Bestellen von Pizza. Um wenigstens von Zeit zu Zeit Abwechslung
in dieser Eintönigkeit zu schaffen, haben sich Gina Hummelsheim und ich
entschlossen, alle 2 Wochen mittwochs einen Pausenbrotverkauf zu machen. Die
damit verbundene Arbeit wird von uns gerne geleistet, da die Begeisterung der
Kinder, wenn es belegte Brötchen, Hot Dogs, Sandwichtoasts etc. gibt,
unglaublich ist.
Auch die kleine
deutschsprachige katholische Gemeinde ist auf die Mitarbeit ihrer Mitglieder
stark angewiesen. Sieben Jahre lang wurde sie von Schwester Leonidis betreut,
die seit fast 30 Jahren in Indien für ihren Orden tätig ist, und die für ihren
großen Einsatz erst kürzlich mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde.
Seit Herbst letzten Jahres hat die Herde wieder einen Hirten. Monsignore Albert
Diedrich ist zuständig für alle deutschsprachigen Katholiken in Indien, Nepal
und Sri Lanka. Msgr. Diedrich kam nicht Indien-unerfahren nach Neu Delhi. Vor
14 Jahren gründete er die Anbaham-Kinderdörfer in Tamil Nadu, in denen inzwischen
450 Jungen und Mädchen leben.

Osterfeuer
Die Nachfrage, ob ich mich
in den hiesigen Pfarrgemeinderat wählen lassen würde, habe ich gerade
abschlägig beschieden. Eine weitere "Funktion" wäre mir doch etwas
zuviel gewesen, da ich außer meiner Schulvorstandsarbeit zusammen mit Gabi
O'Dell und Marion Lange das FFD-Team (Frauen- und Familiendienst des
Auswärtigen Amtes) an der hiesigen Botschaft
bilde.
Wie man sieht, gehöre ich
nicht zu den Menschen, die nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen
sollen, und habe glücklicherweise einen Mann, der viel Verständnis für
"Martina, die Rennsemmel" aufbringt und, soweit es ihm zeitlich
möglich ist, mich bei all den Aktivitäten psychisch und auch tatkräftig
unterstützt. Das ist nicht ganz selbstverständlich, denn am 8.5.1999 machen wir
uns gegenseitig seit immerhin 25 Jahren mit - "and still going
strong!"
Da ich insgesamt 4 Jahre in
Indien verbringen werde, finde ich es sehr wichtig, mich mit der Geschichte,
den Religionen, der Kultur und vor allem den Menschen meines Gastlandes zu
beschäftigen. In meinem ersten Jahr hatte ich eine
"Landeskundelehrerin", die mir einerseits viel beigebracht, mich
andererseits leider auch betrogen hat. Aber der Grundstock, der vermittelt
wurde, erleichtert die eigene "Weiterbildung".

Durga Puja (hinduistische Feierlichkeit) im
Chattarpur-Tempel Neu Delhi

Lotus-Tempel bei Sonnenuntergang
Was mir bisher etwas
fehlte, war das Reisen im Lande. Dazu muß gesagt werden, daß Indien kein
Reiseland ist. Flüge und einigermaßen gute Unterkünfte sind teuer. Bei Flug-
und Zugverbindungen ist oft mit heftigen Verspätungen oder Ausfällen zu
rechnen.
Trotzdem ließ ich mir das
Angebot Jürgens, im Frühjahr eine Woche alleine zu verreisen, nicht zweimal
unterbreiten. Da unser Leben in Delhi weitgehend durch die diversen
Terminkalender der einzelnen Familienmitglieder bestimmt wird, beschloß ich,
mit dem Auto zu fahren, auch wenn einige Leute mich für verrückt erklärten.
Damit relativiert sich das ALLEINE fahren. Als Nichtautofahrerin brauchte ich
den Fahrer. Der fungierte an den touristischen Orten als "Bodyguard",
er hielt mir teilweise äußerst aufdringliche Händler, Bettler, Pseudoführer und
Schlepper vom Hals. An den Orten, an denen man als Ausländer noch eine
Besonderheit ist, war durch Dolmetschertätigkeit eine Kontaktaufnahme möglich.
Manchen schönen oder interessanten Platz, der in keinem meiner zahlreichen
Reiseführer verzeichnet ist, habe ich auf diese Art und Weise gefunden.
Natürlich ist bei den indischen Straßenverhältnissen und der Verkehrsdisziplin
auch das Autofahren eine relativ abenteuerliche Geschichte und auch nichts für
schwache Nerven.

Der "Goldene Tempel" in Amritsar
Ich hatte eine tolle Zeit
auf meiner Fahrt durch Himachal Pradesch, die mich unter anderem nach
Dharamsala (Sitz des Dalai Lama und der tibetischen Exilregierung) führte und
nach Amritsar, wo ich beeindruckende Momente im und am "Goldenen
Tempel", dem größten Heiligtum der Sikhs, hatte. Und ich hatte, trotz
vieler Aktivitäten, genügend Ruhe und Muse, die mir manchmal in Delhi fehlt, um
zu lesen, neben Kino eine meiner großen Leidenschaften.

McLeod-Ganj (Little Tibet)
Nur 2 Wochen später ging
ich wieder "auf die Walz", diesmal mit meiner Schwester, die für 3
1/2 Wochen zu Besuch hier war.
Rajasthan stand auf dem
Programm - der Wüstenstaat, das Land der Rajputen, Maharajas, völlig andere
Landschaften, Eindrücke, Erlebnisse.

Kumbalgarh-Fort in Rajasthan (zweitlängste Mauer der Welt)
Wo ist es, das wirkliche
Indien?
In den Köpfen der
Spiritualisten, die gerade hier Erleuchtung suchen?
In den Slums, wo eine
Plastikplane auf 4 Holzpfählen schon ein Zuhause bedeutet?
In Landschaften, die
teilweise so schön sind, dass es einem die Tränen in die Augen treibt?
In den Kindern und Bettlern,
den Verkrüppelten, die überall zu finden sind und einem die ausgestreckte Hand
entgegenhalten in einem Land, in dem es eigentlich alles gibt - nur ungerecht
verteilt?
In den Relikten einer
uralten Kultur, die von atemberaubender Schönheit sind?
In fröhlichen Gesichtern
von schmutzigen Kindern, die für unsere Verhältnisse nichts haben, die aber
glücklich sind, genug zum Leben zu haben?
Ich weiß es nicht, werde es
vielleicht nie wissen, vielleicht gibt es das auch gar nicht.
Indien ist ein Land, welches
den Menschen, der sich damit beschäftigt, fordert, in Delhi auch körperlich
aufgrund der extremen klimatischen Verhältnisse.
Ich bin froh über diese
Herausforderung, werde, wenn es irgendwie möglich ist, weiterhin meine Art des
Reisens praktizieren, und hoffe, daß ich meine Erfahrungen auch mit
Interessierten teilen kann.
Wer mehr wissen will, kann
mich unter martina @ reinwarth.net kontaktieren.
(Alle Fotos © Martina
Reinwarth)
Stand: 05.05.1999